Erinnerungen von Ellen KammerBesuch von Fürstin Marka von Solms-Hohensolms-Lich im Jahr 1924

„Es war, soviel ich mich erinnern kann, noch im Herbst 1924, kurz nach dem ersten mißglückten Volkshochschullehrgang, dass sich die Fürstin Marka aus Lich mit ihren Töchtern bei uns zu einem Besuch anmeldete.
Sie wollten zu Fuß von Bieber heraufwandern. Die uns zur Verfügung stehenden Räume wurden auf Hochglanz gebracht. Es war hässliches, regnerisches Herbstwetter, als sie mit sehr schmutzigem Schuhwerk anmarschiert kamen. Die Fürstin warf einen Blick in den blank gebohnerten Rittersaal und schickte dann sofort ihre Töchter in die Küche. Sie sollten ihr Schuhwerk gründlich reinigen, ehe sie die Wohnräume betreten durften. Dann fand eine Besichtigung statt. Fürstin Marka staunte und sprach es immer wieder aus, dass sie das nicht erwartet hätte, dass wir die schmutzigen und verwahrlosten Räume so schön hergerichtet hätten.

Im Pestalozzizimmer war hübsch gedeckt, die fürstliche Familie wurde zum Mittagessen eingeladen. Henny hatte Irish Stew sehr schmackhaft gekocht, und unsere Gäste ließen es sich schmecken. Als die Fürstin sich den Teller zum fünften Mal füllen ließ, meinte sie, das sei nur noch „pure Gier und Gefräßigkeit“.

Die Folgen dieses Besuches waren, dass uns die Fürstin fünf weitere Räume vom Schreiner Welsch aufschließen ließ und sie uns übergab: das Bismarckzimmer, Fürst-Reinhard-Zimmer und die Kanzlei über der Küche. Dieser Raum hatte als Dienerzimmer gedient und als Lampenzimmer, viele Petroleumlampen standen darin und der Geruch entsprach dem Inhalt. Außerdem hatten die bequemen Diener das runde Kämmerchen rechts als Müllecke benutzt. Viele Körbe voll Dreck wurden dort herausgetragen und zuunterst lag der Brustschild einer alten Ritterrüstung, vielleicht schon Jahrhunderte. […]

Erst nachdem dieses Lampenzimmer ganz ausgeräumt und frisch gestrichen war, wurde es bewohnbar und dient bis zum heutigen Tage als Büro. Wir aber nannten es unsere „Kanzlei“. Es wurde auch eines der Jugendherbergsbetten mit einem Strohsack als Matratze hineingestellt, damit bei großen Freizeiten, wenn jeder Raum dringend gebraucht wurde, Paul dort kampieren konnte, wir hatten ja keinen direkten Zugang zum Treppenhaus, sondern mußten durch die Lutherstube, Fichte und Stein und das dunkle Schrankzimmer hindurchgehen, und diese Räume beherbergten ja Scharen von Freizeitgästen. Gelegentlich stellten wir auch in unser Schlafzimmer (Bodelschwinghzimmer) noch bis sechs Betten, wo dann die älteren, verheirateten Gäste bei mir schlafen durften. Oh, was haben wir Betten herumgeschleppt! Vor jeder Freizeit wurde nach Bedarf umgeräumt.“

Quelle: "Es war einmal. Erinnerungen von Ellen Kammer, geb. Seesemann"

 

 

Wissenswert

Bis 2012 befand sich der Empfang für die Gäste der Burg in der Kanzlei. Nachdem der Empfang und die Verwaltung in die vorherigen Werkräume unter dem Heuboden gezogen sind, wurde die Kanzlei mangels Alternativen als provisorischer Kreativ-/Werkraum genutzt.