Hohensolmser Sagen und ErzählungenDie weiße Frau
Im Jahre 1687 regierte auf dem Hohensolmser Schloss (Burg) Graf Ludwig das Solmser Land. Verheiratet war er mit Luise, einer Tochter des Burggrafen von Dohna.
Das Schloss war damals noch eine prächtige Barockresidenz. In der Münzwerkstatt ließ der Graf eigene Münzen mit seinem Portrait schlagen, und die Gebäude der heutigen Ruine waren noch in gutem Zustand. Graf Ludwig muss seine Frau abgöttisch geliebt haben. Für die damalige Zeit war dies eher die Ausnahme. Das politische Zweckheiraten wurde in den Adelshäuser normalerweise über Fragen der Liebe gestellt.
-
Gräfin Luise geb. Dohna (verst. 1687) -
Graf Ludwig (1646 - 1707)
Dem Grafen war nichts zu viel, wenn er nur seine Frau damit erfreuen konnte. So ließ er goldenes Geschmeide für sie anfertigen, orderte prachtvolle Stoffe für ihre Garderobe und beschenkte sie mit vielerlei Dingen. Das Glück schien endlos.
Alles wäre also in bester Ordnung gewesen, wenn das Herrscherpaar nicht von einem schweren Schicksalsschlag getroffen worden wäre. Gräfin Luise starb nämlich plötzlich und unerwartet im Herbst 1687 an einer schlimmen Krankheit. Die Pest, so erzählt man sich, sei es gewesen, die ihrem jungen Leben ein Ende bereitete.
Graf Ludwig war untröstlich. Stunde um Stunde saß er reglos an ihrem Totenbett im prachtvollen Empfangsraum des Schlosses. Ganz in weiß gekleidet lag nun die Gräfin für ein letztes Abschiednehmen in einem großen Prunkbett. Viele kamen und defilierten stumm an ihrem Bett vorbei. Wie versteinert nahm Ludwig die Kondolenzbezeugungen entgegen. Nachdem der Letzte gegangen war, schloss der Graf die Tür und verriegelte sie. Um immer in der Nähe seiner verstobenen Frau sein zu können schloss er sich gemeinsam mit dem Leichnam ein. Da nützte am nächsten Morgen kein Klopfen und kein Hämmern. Die Tür blieb zu. Über lange Zeit hinweg weigerte sich der Fürst, seine geliebte Frau beerdigen zu lassen.
Jeden, der auf das notwendige Begräbnis pochte, bedrohte der Graf mit einer Pistole. Über Wochen hinweg weigerte er sich, den Raum mit seiner geliebten Frau darin zu verlassen. Derweil blieben die Amtsgeschäfte liegen, und - was noch unangenehmer war - erste Anzeichen von Modergeruch machten sich in den Fluren, Gängen und Zimmern des Schlosses breit. Nun war guter Rat teuer. Was konnte man tun, um den Grafen wieder zur Vernunft und die Leiche aus dem Totenzimmer heraus zu bringen?
Nach tagelangen Beratungen kam endlich einer auf die Idee, die Jagdbegeisterung des Grafen auszunutzen. Alle wussten um die Leidenschaft ihres Herrn für das waidmännische Handwerk, und so wurde folgender Plan ausgearbeitet: Man brachte Ludwig zu Ohren, dass in den Wäldern ein seltener weißer Hirsch gesehen worden sei; ein so edles und seltenes Tier also, dass der Graf es sich nicht entgehen lassen konnte, eine Jagd darauf anzusetzen.
Der Plan gelang. Ludwig verließ tatsächlich zum ersten Mal seit vielen Tagen das Schwarze Gemach und begab sich mit seinem Gefolge auf die Jagd. Die Tür sperrte er allerdings gut hinter sich zu.
Für die gestandenen solmsischen Burgknechte, die unterdessen den Auftrag bekommen hatten, während der Abwesenheit des Grafen in das Totenzimmer einzudringen, stellten Schloss und Riegel jedoch kein großes Hindernis dar. Sie brachen die Tür auf, brachten rasch den Leichnam fort und verscharrten ihn eiligst in der Umgebung des Schlosses.
Als der Herrscher am Abend müde von der Jagd zurückkehrte, war er ohnehin schon enttäuscht, weil sich der gesuchte Hirsch nicht ein einziges Mal hatte blicken lassen. Als er dann auch noch das leere Zimmer erblickte, war er natürlich völlig außer sich. Er tobte. Halb von Sinnen schwang er sich auf sein Pferd und gab ihm die Sporen, um seine tote Frau aufzuspüren. Doch wo sollte er suchen? Kreuz und quer jagte er auf seinem Roß bis ins dichteste Unterholz des Waldes. Als ihn das erschöpfte Pferd kaum noch tragen konnte, sah er ein, wie nutzlos die Suche war und kehrte zur Burg zurück.
Erschöpft sank der Graf in sein Bett, doch sollte sein Schlaf nicht lange währen. Noch in der gleichen Nacht erschien ihm der Geist seiner geliebten Frau. Die gespenstische Erscheinung bat ihn, Luises Totenruhe von nun an nicht weiter zu stören.
Bis heute soll der Geist der Gräfin keine Ruhe gefunden haben, weil sie kein ordentliches christliches Begräbnis in geweihter Erde bekommen hat. In nächtlicher Stunde erscheint sie seitdem, angetan mit einem langen weißen Gewände und bleichem Gesicht, Besuchern auf dem Schloss.
Das schwarze Gemach
Das Schwarze Gemach, in dem die Gräfin aufgebahrt lag, blieb seit diesen Geschehnissen bis Mitte des 20. Jahrhunderts unbenutzt. Niemand traute sich hineinzugehen. Im Laufe der Zeit ist der Raum verödet und stark heruntergekommen. Die Fensterscheiben waren kaputt und die Vorhänge wehten zerfetzt im Wind, sodass die ganze Atmosphäre sehr gespenstisch wirkte.
In den 1950er Jahren wurde hier die Burgkapelle eingerichtet. Die Nische aber, in der das alte Totenbett stand, wurde zugemauert. Hinter ihr befindet sich ein moderner Waschraum für die Gäste der Jugendburg. Von der Verzierung des Prunkbettes ist noch ein Teil hinter der Orgel zu sehen. Auch das imposante Türschloss stammt noch aus der damaligen Zeit.